Europäische Governance und Städtepolitik | Blog

SDG-orientierte Haushaltssteuerung auf lokaler Ebene - Erkenntnisse aus vier Europäischen Städten

AMSTERDAM: Budget 2025 nach Programmen (in Mio. €).
AMSTERDAM: Budget 2025 nach Programmen (in Mio. €).
BARCELONA: Ausschnitt Klassifizierung der Ausgaben nach den SDGs, 2024.
BARCELONA: Ausschnitt Klassifizierung der Ausgaben nach den SDGs, 2024.

Mit dem näher rückenden Zieljahr 2030 wächst der Druck auf Städte, messbare Fortschritte bei der Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) zu erzielen. Die lokale Ebene spielt dabei eine Schlüsselrolle: Laut der OECD sind mehr als 65 % der Sustainable Development Goals (SDGs)
direkt oder indirekt von Maßnahmen und Aktivitäten auf subnationaler bzw. lokaler Ebene abhängig. Im Rahmen eines EU-Projekts (SLPF) hat das KDZ gemeinsam mit den Städten Amsterdam, Barcelona, Bordeaux und Hamburg sowie dem Institute for Climate Economics (I4CE) den Bericht „Local Public
Finances and the Governance of SDGs“ vorgelegt. Er untersucht, wie Städte die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) in ihre Finanz- und Haushaltsstrukturen integrieren, und analysiert dazu rechtliche, institutionelle sowie finanzwirtschaftliche Rahmenbedingungen und konkrete Budgetprozesse. 

AMSTERDAM: Goal Tree (doelenboom) und CO2-Budget

Der sogenannte „Goal Tree“ in Amsterdam ist ein Steuerungsmodell, das die angestrebten Wirkungen öffentlicher Maßnahmen in den Mittelpunkt stellt. Programme, Subprogramme und Aktivitäten werden mit klar definierten Zielen verknüpft, und Budgetmittel gezielt zur Zielerreichung eingesetzt. Die Zielerreichung wird mithilfe von Indikatoren gemessen, die Ergebnisse und Wirkung abbilden – auch wenn sie nicht unmittelbar den SDG-Targets zugeordnet sind. Seit 2025 unterstützt ein interaktives digitales Tool (Power BI) diese Wirkungsorientierung, indem es die Zusammenhänge zwischen eingesetzten
Ressourcen, gesetzten Maßnahmen und erzielten Wirkungen für alle Nutzer*innen transparent darstellt. Amsterdam arbeitet außerdem mit einem CO2-Budget, bei dem ein Emissionsrahmen definiert und auf Verwaltungsbereiche heruntergebrochen wird. Dieses Emissionsbudget fungiert als zusätzliche Steuerungsgröße neben dem Finanzbudget und beeinflusst insbesondere Investitionsentscheidungen.

AMSTERDAM: Budget 2025 nach Programmen (in Mio. €).
AMSTERDAM: Budget 2025 nach Programmen (in Mio. €).

BARCELONA: SDG-Budget-Tagging für Transparenz 

Barcelona verfolgt mit dem SDG-Budget-Tagging einen Ansatz, der Haushaltspositionen einzelnen SDGs zuordnet. Dieses Verfahren soll die Sichtbarkeit nachhaltigkeitsbezogener Ausgaben erhöhen und eine strukturierte Verbindung zwischen SDGs und Budget schaffen. Der Mehrwert liegt in der Transparenz: Es wird nachvollziehbar, welche Programme welchen SDGs zugeordnet werden. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass Tagging allein noch keine automatische Prioritätenverschiebung im Haushalt bewirkt. Die Methode bleibt ein analytisches Instrument, dessen Wirkung von der Einbettung in Entscheidungsprozesse abhängt. Für andere Städte bietet Barcelona ein Beispiel dafür, wie bestehende Haushaltsstrukturen ohne grundlegende Systemumstellung SDG-bezogen erweitert werden können. 

BARCELONA: Ausschnitt Klassifizierung der Ausgaben nach den SDGs, 2024.
BARCELONA: Ausschnitt Klassifizierung der Ausgaben nach den SDGs, 2024.

BORDEAUX MÉTROPOLE: Green Budgeting, annexe environnementale und Climate Investment Plan 

Bordeaux Métropole wendet Green Budgeting an, um öffentliche Mittel systematisch an Umwelt- und Klimazielen auszurichten. Investitionsprogramme
werden anhand der sechs Umweltziele der EU-Taxonomie danach bewertet, inwieweit sie negative Umweltwirkungen aufweisen. Die Ergebnisse dieser Bewertung werden als gesetzlich vorgeschriebener Umweltanhang dem Jahresabschluss beigefügt, verpflichtend für französische Gebietskörperschaften mit mehr als 3.500 Einwohner*innen. In der Praxis ermöglicht Green Budgeting eine differenzierte und transparente Betrachtung von umweltrelevanten
Haushaltspositionen. Der Fokus liegt dabei klar auf „grünen“ Zielsetzungen. Ein zweites Haushaltsinstrument in Bordeaux ist der Climate Investment Plan, der darauf abzielt, zu bewerten, ob das aktuelle Investitionsniveau ausreicht, um die gesetzten Klimaziele zu erreichen („Are our investments sufficient to meet our climate objectives?“). Konkret wird berechnet: 

  1. Welche Investitionen zur Erreichung der Klimaziele (z.B. Emissionsreduktion, energetische Sanierung) erforderlich sind.
  2. Welche finanziellen Mittel dafür im mehrjährigen Investitionsprogramm bereitgestellt werden müssten. 
  3. Wie diese Investitionen finanziert werden können (Eigenmittel, Kredite, Fördermittel). 

Damit dient der Climate Investment Plan als strategisches Planungsinstrument zur Abschätzung von Investitionsbedarf und Finanzierungslücken. 

HAMBURG: Wirkungsorientierung im Haushaltsmodell 

Hamburg verfolgt keinen eigenständigen SDG-Budgeting-Ansatz im Sinne eines SDG-Taggings oder eines separaten Nachhaltigkeitshaushalts, sondern knüpft an ein bereits etabliertes System der leistungs- und wirkungsorientierten Haushaltssteuerung an. Der Haushalt ist nach Produktgruppen strukturiert und verbindet Ressourcen mit Zielen und KPIs, wodurch eine wirkungsbezogene Steuerungslogik vorhanden ist. Seit dem Doppelhaushalt 2023/2024 werden zudem Budget-KPIs systematisch jeweils einem SDG zugeordnet, wobei diese Verknüpfung primär der Transparenz dient und nicht direkt mit konkreten Ausgabenpositionen gekoppelt ist. Damit entsteht in Hamburg ein Ansatz, der SDG-Bezüge vor allem über indikatorenbasierte Zielsteuerung innerhalb bestehender Budgetstrukturen herstellt, ohne bislang eine durchgängige finanzielle SDG-Systematik über den gesamten Budgetzyklus abzubilden. 

SDG-Budgetierung als institutioneller Entwicklungsprozess 

Unsere Vergleichsanalyse zeigt, dass SDG-Budgetierung bereits in unterschiedlichen Formen praktiziert wird, jedoch meist noch nicht als durchgängiger Bestandteil des gesamten Haushaltszyklus - von Planung über Mittelzuweisung bis hin zu Monitoring und Evaluierung - etabliert ist. Die Städte agieren dabei in unterschiedlichen rechtlichen, administrativen und fiskalischen Rahmenbedingungen, weshalb es keine einheitliche Blaupause für SDG-Budgetierung geben kann. Vielmehr erfolgt die Weiterentwicklung kontextabhängig und schrittweise, häufig durch die Anpassung bestehender Instrumente
wie z.B. Programmhaushalte, Green Budgeting oder leistungs- und wirkungsorientierte Steuerungsmodelle. Fortschritte hängen dabei weniger von
einzelnen technischen Instrumenten ab als von zentralen Governance-Faktoren, insbesondere: 

  1. politischem Commitment und strategischer Kontinuität,
  2. ressortübergreifender Zusammenarbeit, 
  3. ausreichenden administrativen Kapazitäten und Fachkompetenzen, 
  4. sowie einer belastbaren Daten- und Indikatoreninfrastruktur. 

SDG-Budgetierung ist kein statisches Instrument, sondern ein modularer und kontextabhängiger Prozess, der an die jeweiligen institutionellen, politischen und administrativen Rahmenbedingungen angepasst werden muss. Zentrale Voraussetzung dafür ist die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher
Fachbereiche sowie die Verknüpfung von strategischer Planung, Budgetierung und Wirkungsorientierung. Der KDZ-Bericht liefert hierfür erste internationale Erkenntnisse; darauf aufbauend werden derzeit praxisorientierte Leitlinien entwickelt, um Städte und Gemeinden bei einer schrittweisen und wirksamen Implementierung der SDG-Budgetierung zu unterstützen.

Den vollständigen Bericht lesen Sie unter www.slpf.eu.

Das Projekt „Sustainable Local Public Finances“ (SLPF) ist eine Initiative im Rahmen des Instruments für technische Unterstützung (TSI), welches von der Europäischen Kommission, GD REFORM, in Zusammenarbeit mit dem KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung, Expertise France und I4CE (Institut für Klimawirtschaft) finanziert wird.

Kelmend Zajazi
Kelmend Zajazi | Executive Director of NALAS
The long-term cooperation with KDZ means a lot to us at NALAS. In KDZ we found a peer that fully understands who we are.
Isabelle Verschuren | Federal Public Service Policy and Support (BOSA), CAF correspondent of Belgium
In the last years Belgium has planned and organised many different CAF activities (e.g. CAF training, Certification of CAF label) together with KDZ.
Josep Medrano | Director of Strategic Planning and Taxation, City of Barcelona
For the City of Barcelona, the collaboration with KDZ through the European "Cities for Sustainable Public Finances (CSPF)" has reached a qualitative advance.

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