23.03.2026
Das KDZ-Zentrum für Verwaltungsforschung hat erstmals die Gemeindestrukturen und -finanzen der Europäischen Union analysiert. Die Auswertung der Eurostat-Daten für das Jahr 2024 zeigt deutliche Unterschiede für die Gemeinden der 27 EU-Mitgliedsstaaten.
Große Spannweite bei Gemeindeausgaben
2024 beliefen sich die Ausgaben der 85.951 europäischen Gemeinden auf 2.028 Mrd. Euro. Ein Blick auf die Ausgaben der Gemeinden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung zeigt dabei die großen Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedsländern. Im EU-Durchschnitt entsprechen die Gemeindeausgaben 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die Spannweite ist jedoch sehr groß: Sie reicht von 0,4 Prozent in Malta bis zu 31,2 Prozent in Dänemark. Österreich liegt mit 9,5 Prozent im europäischen Mittelfeld.
Finanzierungsschere öffnet sich seit 20 Jahren
Analysiert wurde die Entwicklung der kommunalen Einnahmen und Ausgaben sowie des Bruttoinlandsprodukts zwischen 2004 und 2024. Dabei zeigt sich: In den EU-27 entwickelten sich die Einnahmen der Gemeinden insgesamt leicht stärker als ihre Ausgaben; der Unterschied beträgt +1,1 Prozentpunkte. In Österreich ist es umgekehrt: Hier stiegen die Ausgaben der Gemeinden um 12,6 Prozentpunkte stärker als die Einnahmen. Das Minus von 12,6 Prozentpunkten beschreibt eine Finanzierungsschere, bei der die Ausgabenentwicklung die Einnahmenentwicklung deutlich überholt. Auch im Vergleich zum BIP wird dieser Trend sichtbar: Während das österreichische BIP bis 2024 auf einen Indexwert von 205,4 stieg, erreichten die kommunalen Ausgaben 232,8.
Dieser Trend verdeutlicht die wachsenden Aufgaben der Gemeinden, etwa in der frühkindlichen Bildung, im Sozialbereich oder in der kommunalen Infrastruktur.
Österreichische Gemeinden mit deutlich höherem negativem Budgetsaldo
Im EU-Durchschnitt lag der Budgetsaldo der Gemeinden 2024 bei minus 2,1 Prozent. Österreich wies mit minus 6,4 Prozent einen deutlich stärkeren negativen Saldo[1] auf, das heißt, die Gemeindeausgaben lagen hier stärker über den Einnahmen als im europäischen Durchschnitt. Im europäischen Vergleich zeigt sich ein heterogenes Bild: Besonders hohe negative Salden verzeichneten neben Österreich auch Irland mit minus 16,5 Prozent, Ungarn mit minus 9,5 Prozent sowie Deutschland und Frankreich mit jeweils minus 5,1 Prozent, während andere Länder wie Spanien mit plus 7,3 Prozent und Tschechien mit plus 6,1 Prozent Überschüsse erzielten.
Gemeindegrößen im Vergleich
Auf den ersten Blick zeigt sich ein sehr heterogenes Bild bei der Gemeindegröße: Während der EU-Durchschnitt bei 22.455 Einwohnerinnen und Einwohnern pro Gemeinde liegt, zeigen stark fragmentierte Systeme wie in Tschechien, Frankreich und der Slowakei mit rund 1.700 Personen ein deutlich anderes Bild als konsolidierte Strukturen wie in Dänemark, den Niederlanden, Litauen und Schweden mit rund 45.000 Personen.
Der Vergleich zeigt ein europäisches Mainstream-Gemeindemodell, das durch Gemeinden mittlerer Größe mit durchschnittlich 7.000 bis 16.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sowie kommunale Ausgaben von 8 bis 15 Prozent des BIP geprägt ist, wie etwa in Deutschland, Polen und Italien. Österreich liegt mit 4.313 Einwohnerinnen und Einwohnern unter den europäischen Durchschnittswerten.
Geringe Steuerautonomie in Österreichs Gemeinden
Die Analyse zeigt, dass leistungsfähige Gemeinden ausreichend Spielräume bei eigenen Abgaben brauchen. In Österreich ist diese Abgabenautonomie jedoch nur schwach ausgeprägt, was sich unter anderem an der niedrigen Grundsteuer zeigt: Nur 14,9 Prozent der kommunalen Einnahmen stammen aus eigenen Steuern. Damit liegt Österreich deutlich hinter Ländern wie Frankreich (55,7 Prozent), Lettland (52,5 Prozent) oder Schweden (45,5 Prozent) und auch unter Staaten wie Deutschland (35,4 Prozent) oder Polen (32,5 Prozent). Das zeigt: Österreichs Gemeinden sind im europäischen Vergleich stärker von Transfers und übergeordneten Finanzierungsentscheidungen abhängig und haben daher weniger finanziellen Handlungsspielraum.
Kommunale Investitionen im europäischen Vergleich
Trotz dieser strukturellen Herausforderungen tragen Österreichs Gemeinden maßgeblich zu den öffentlichen Investitionen bei. EU-weit entfallen rund 43 Prozent aller öffentlichen Investitionen auf die lokale Ebene. Österreich liegt mit 28,7 Prozent zwar unter diesem Durchschnitt, spielt aber dennoch eine sehr wichtige Rolle beim Ausbau von Infrastruktur, Bildungsangeboten, Energie- und Klimaschutzmaßnahmen sowie regionaler Mobilität.
Ausblick
Österreichs Gemeinden übernehmen umfangreiche Aufgaben, verfügen jedoch über begrenzte finanzielle Spielräume. Der europäische Vergleich zeigt, dass kleinteilige Strukturen, geringe Steuerautonomie und steigende Ausgaben den Handlungsspielraum einschränken. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für wichtige Reformen, die Gemeinden langfristig stärken und ihre zentrale Rolle für Investitionen und Lebensqualität vor Ort absichern können. Auch mit Blick auf den neuen Mehrjährigen Finanzrahmen 2028+ der Europäischen Union wird es entscheidend sein, die Rolle der Gemeinden als zentrale Träger öffentlicher Investitionen und lokaler Entwicklung stärker zu berücksichtigen.
Hintergrund
Download EU-Gemeindefinanzbericht
Ö1 Interview mit Thomas Prorok
[1] Der Saldo errechnet sich aus den Local Government Expenditures and Revenues ohne Kreditaufnahmen gemäß Eurostat.