Die Altenpflege steht vor einem Wendepunkt. Der steigende Pflegebedarf und die wachsenden Kosten machen Reformen notwendig. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Niederösterreich beleuchtet das Finanzierungsvolumen und die wichtigsten Geldflüsse im Bereich der Altenpflege in Niederösterreich.
Im Fokus der Analyse stehen die Akteure, ihre Rollen und Beiträge zur Finanzierung primär der Pflegedienstleistungen (stationär und mobil), der ergänzenden Leistungen für die Pflege zu Hause (24-Stunden-Betreuung, Essen auf Rädern und Notruftelefon, Community Nurses) sowie monetärer Zusatzleistungen (Pflegegeld, weitere Unterstützungsleistungen für pflegende Angehörige).
Altenpflege kostet rund 860 Mio. Euro überwiegend für Pflegedienstleistungen
Rund 857 Mio. Euro werden jährlich bzw. wurden im Jahr 2023 in Niederösterreich von der öffentlichen Hand für die Altenpflege in Niederösterreich aufgewendet (Abbildung 1), wobei der Großteil , etwa 725 Mio. Euro bzw. rund 85 Prozent auf Pflegedienstleistungen – stationär, teilstationär und mobil – entfällt. Die von den betreuten Personen in Pflegeeinrichtungen und im mobilen Bereich geleisteten Ersätze und Beiträge von rund 276 Mio. Euro werden zu großen Teilen durch das Pflegegeld abgedeckt und daher modellhaft den Ausgaben des Bundes zugerechnet (Teil der gesamten Pflegegeldausgaben in der Höhe von insgesamt 608 Mio. Euro). Weitere Ausgaben betreffen monetäre Unterstützungsleistungen für pflegende Angehörige sowie die 24-Stunden-Betreuung. Essen auf Rädern und Community Nurses haben demgegenüber eine deutlich geringere finanzielle Bedeutung.
Anmerkungen: Da eine Abgrenzung des Pflegegeldes betreffend Pflege und Behindertenhilfe nicht möglich ist, wird hier die Höhe des Pflegegeldes im Ausmaß der Ersätze und Beiträge angenommen.
Etwa die Hälfte trägt der Bund; Land und Gemeinden teilen sich den Rest
Die Finanzierung basiert auf einem komplexen Zusammenspiel von Bund, Land und Gemeinden (Abbildung 2). Der Bund übernimmt insbesondere die Finanzierung des Pflegegeldes und wesentliche Beiträge zum Pflegefonds sowie bundesgesetzliche Zweckzuschüsse (u. a. bundesgesetzliche Entgelterhöhungen, Ersatz Pflegeregress). Das Land Niederösterreich ist als Träger der Sozialhilfe grundlegend für die Organisation und Finanzierung der Pflegedienstleistungen (z.B. Pflegeheime) verantwortlich, während die Gemeinden über die Sozialhilfeumlage einen bedeutenden finanziellen Beitrag leisten. Die Gemeinden tragen rund die Hälfte der Nettoausgaben des Landes für Pflegedienstleistungen. Dabei ist die Sozialhilfeumlage ein zentraler Finanzierungsmechanismus. Konkret entspricht der kommunale Beitrag über die Sozialhilfeumlage für das Jahr 2023 etwa 160 Millionen Euro. Hinzu kommen Ausgaben für die eigenen Pflegeeinrichtungen und ergänzende Aufgaben im Bereich der Pflege zu Hause (z.B. Essen auf Rädern). Sowohl das Land als auch der Bund leisten über die Pflegedienstleistungen hinausgehend Beiträge zur Förderung der 24-Stunden-Betreuung und weitere monetäre Unterstützungsleistungen für pflegende Angehörige (z.B. Niederösterreichischer Pflege- und Betreuungsscheck).
2023 verteilte sich die Finanzierungslast damit zu etwa 54 Prozent bzw. 463 Mio. Euro auf den Bund, 207 Mio. Euro bzw. 24 Prozent auf das Land Niederösterreich und 186 Mio. Euro bzw. 22 Prozent auf die Gemeinden (Abbildung 3).
Anmerkungen: Da eine Abgrenzung des Pflegegeldes betreffend Pflege und Behindertenhilfe nicht möglich ist, wird hier die Höhe des Pflegegeldes im Ausmaß der Ersätze und Beiträge angenommen.
Starke Kostendynamik bei Pflegedienstleistungen belastet zunehmend die Gemeinden
Ein zentrales Problem liegt in der Dynamik der Ausgaben (Abbildung 4). Während das Pflegegeld vergleichsweise moderat wächst, steigen die Kosten für Pflegedienstleistungen deutlich stärker. Mit einer alternden Bevölkerung steigt der Pflegebedarf kontinuierlich. Besonders dynamisch entwickeln sich die Ausgaben für stationäre und mobile Dienste. Dies führt zu einer Verschiebung der Finanzierungslasten hin zum Land und den Gemeinden. Besonders die Gemeinden geraten dadurch finanziell immer stärker unter Druck, da die Ausgaben für Pflegedienstleistungen im Zuge der Sozialhilfeumlage deutlich schneller wachsen als die Einnahmen der Gemeinden. Dies führt dazu, dass immer weniger Mittel für die eigentlichen kommunalen Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge zur Verfügung stehen. Dazu zählen etwa Infrastruktur, Bildung oder lokale Dienstleistungen.
Anmerkungen: Ausgaben der Länder/Gemeinden für Pflegedienstleistungen sind Nettoausgaben: Bruttoausgaben abzüglich Beiträge/Ersätze (von betreuten Personen, Angehörigen, Drittverpflichteten) und sonstiger Einnahmen (z. B. Mittel aus Landesgesundheitsfonds).
Wie kann die Finanzierung nachhaltig gesichert werden?
Insgesamt basiert die Altenpflege in Niederösterreich dennoch auf einem grundsätzlich stabilen System öffentlicher Finanzierung und leistungsbezogener Mittelverteilung, aber es gerät zunehmend an seine Grenzen. Die Ausgaben werden weiter wachsen. Bis 2035 wird ein weiterer starker Anstieg um mehr als die Hälfte der bisherigen Ausgaben für Pflegedienstleistungen erwartet.[1] Ohne strukturelle Anpassungen drohen Finanzierungslücken und infolgedessen Einschränkungen für die Leistungserbringung und Auswirkungen auf die Leistungsqualität.
Zur mittel- bis langfristigen Sicherung der Finanzierung der Altenpflege braucht es jedenfalls ein koordiniertes Vorgehen der zentralen Akteure und das Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen im Rahmen einer nachhaltigen Finanzierungsstrategie – von einer besseren Abstimmung zwischen den Gebietskörperschaften bis hin zu mehr Transparenz und klareren Steuerungsmechanismen.
Reformbedarf ist evident – Ansatzpunkte liegen auf mehreren Ebenen
Die Studie zeigt mehrere wesentliche Reformfelder und konkrete Ansatzpunkte für eine nachhaltige Weiterentwicklung auf. Im Fokus stehen dabei insbesondere
- die Sicherung einer langfristig tragfähigen Finanzierungsbasis vor dem Hintergrund des demografisch bedingt steigenden Pflegebedarfs, beispielsweise durch zusätzliche Finanzierungselemente (z.B. Pflegeversicherung) oder gezielte Finanzzuweisungen des Bundes.
- die Sicherstellung einer fairen Lastenverteilung durch Anpassungen im Finanzausgleich sowie eine Eindämmung der Umlagendynamik.
- Zur Bewältigung des künftigen Pflegebedarfs braucht es ein ausgewogenes Angebot an Pflegedienstleistungen. Der Ausbau mobiler Dienste, die Stärkung ergänzender Angebote und die Unterstützung pflegender Angehöriger sind zentrale Ansatzpunkte.
- Darüber hinaus wird eine Weiterentwicklung der Steuerungsstrukturen im Pflegebereich empfohlen, insbesondere durch die Etablierung einer Zielsteuerung Pflege.
- Ergänzende Maßnahmen betreffen die Verbesserung der Datengrundlagen, insbesondere durch eine transparente Aufschlüsselung der Sozialhilfeumlage nach Aufgabenbereichen sowie eine nachvollziehbare Darstellung der Nutzung und Wirkung des Pflegegeldes. Eine verbesserte Datenlage ist insgesamt entscheidend, um Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu erhöhen und fundierte Entscheidungsgrundlagen zu schaffen.
Die Debatte über die zukünftige Pflegefinanzierung ist bereits in vollem Gange. Der vorliegende Bericht zur Finanzierung der Altenpflege in Niederösterreich kann zu diesem Reformprozess beitragen. Fest steht der Handlungsbedarf und nun dringend die Weichen für eine nachhaltige Finanzierung der Pflege zu stellen sind.
Mehr Details finden Sie im Bericht zur Pflegefinanzierung in Niederösterreich.
[1] Famira-Mühlberger, U. (2023): Projektionen des öffentlichen Pflegeaufwands bis 2050. BMSGPK Wien. https://www.wifo.ac.at/publication/pid/31407854 (abgerufen am 10.11.2025).